50 Jahre Mittenaar

50 Jahre Mittenaar


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

das 50-jährige Bestehen unserer Gemeinde wollen wir gemeinsam mit Ihnen und
unseren Vereinen und Institutionen angemessen feiern.

Folgende Veranstaltungen sind bereits geplant:

08. April 2022
Feierstunde zum Jubiläum
Begleitet von den Young Voices Mittenaar berichten die drei Bürgermeister über die Jahre von 1972 bis 2022.

03. September 2022
Tag der Begegnung rund um das Rathaus!

Dezember 2022 (Termin folgt)
Feierliche Einweihung des neuen Zentralstützpunktes der Feuerwehr.

Ich freue mich, wenn wir gemeinsam zum Gelingen unseres Jubiläums beitragen können.

Herzliche Grüße
Markus Deusing
Ihr Bürgermeister

Wie alles begann!

(hst/gm) Wer in der Historie stöbert, könnte glauben, dass die Gebietsreform im mittleren Aartal schon zu Zeiten von Napoleon eingeleitet wurde.
Der Franzosenkaiser war offensichtlich ein Freund geordneter Verhältnisse – zumindest was die besetzten Gebiete betraf. So verfügte er, dass die Orte Herbornseelbach, Ballersbach, Bicken und Offenbach zur "Mairie Bicken" mit Sitz in Bicken zusammengefasst wurden. Das hielt nur vier Jahre.
Einen ersten hessischen Aufschlag gab es in 1947. Eine Kommission machte Vorschläge, aber eine Umsetzung erfolgte nicht.
So richtig los ging es dann zwischen 1969 und 1977. In Hessen gab es 2.642 Gemeinden, 39 Landkreise und 9 kreisfreie Städte. Das Ziel war, daraus weniger als 500 Kommunen in 20 Kreisen zu bilden. Für freiwillige Zusammenschlüssen wurden erfolgreich finanzielle Anreize geschaffen. Das hat gewirkt. Zum 31. Dezember 1971 gab es noch 1.233 Städte und Gemeinden. Da gehörte Mittenaar auch zu – und das war klug, denn mit der Zwangszusammenlegung zum 01. Januar 1977 gab es noch 6 kreisfreie Städte, 20 Kreise und 416 kreisangehörige Kommunen.
Aber auch die Freiwilligkeit war nicht getragen von Friede, Freude, Eierkuchen. Es sollte ja etwas aufgegeben werden und deshalb ging es hoch her im mittleren Aartal.
Davon mehr in den nächsten Ausgaben.
Heute brauchen wir den Platz für die beiden Urkunden, mit denen die Hessische Landesregierung das "freiwillige" Miteinander im mittleren Aartal verfügt hat.
Am 01. Januar 1972 – und in der Folge am 01. April 1972 – begannen fünfzig erfolgreiche und gemeinsame Jahre!


Urkunde 01.01.1972

Urkunde 01.04.1972


Gedankenspiele 1

(hst/gm) Die Absicht der Landesregierung war klar. Es sollten weniger Kommunen und Kreise werden. Dazu kann es dann einen landesweiten Aufruf geben mit der Hoffnung, dass reagiert wird.
Oder es gibt Vorschläge, die dann vor Ort einvernehmlich oder kontrovers diskutiert werden.
Anfang 1971 war es so weit. Für den Dillkreis legte Landrat Dr. Rehrmann eine Aufteilung in acht Gemeindegruppen mit extrem unterschiedlichen Größen zwischen 3.198 und 26.879 Einwohnerinnen und Einwohnern vor. Dazu gehörte die Gruppe Aartal von Ballersbach bis Tringenstein mit 7.531. Das kam im Siegbachtal nicht besonders gut an. Wie sie sich erfolgreich gewehrt haben, wird sicher Hannelore Benz in ihrem aktuell entstehenden Siegbach-Buch berichten.
Das Thema Herbornseelbach und Aartalgruppe war mit diesem Vorschlag ebenfalls durch, zumal der dortige Bürgermeister bereits am 25. Januar 1971 ein erstes Gespräch in Herborn geführt hatte.
Auf einem guten Weg war die Absicht von Bellersdorf, sich der Aartalgruppe anzuschließen. Der Wetzlarer Kreistag hatte dem im November 1971 zugestimmt. Die Genehmigung aus Wiesbaden brauchte länger. Das führte dann dazu, dass der Beitritt erst zum 01. April 1972 erfolgen konnte.
Weniger erfolgreich waren die Bemühungen von Bischoffen, der Gruppe beizutreten.
Da hatte es bereits im Januar 1970 einen ersten Aufschlag gegeben. Beschlüsse in den Gemeindegremien wurden gefasst und an die Nachbarn übermittelt.
Das Problem: Bischoffen gehörte wie Niederweidbach, Oberweidbach, Roßbach und Wilsbach zum Kreis Biedenkopf – und der hatte nichts zu verschenken.
Ihm drohte die Auflösung. Dagegen wehrte er sich mit allen Mitteln und auch deshalb gab es keine Zustimmung für die Auskreisung von Bischoffen.
Der Kreis Biedenkopf verlor trotzdem den Kampf. Seine Auflösung kam zum 01.07.1974. Die genannten Gemeinden wurden dem Kreis Wetzlar zugeschlagen.

Gegrummel an Aar und Siegbach

Erfahrungen in Sachen kommunaler Zusammenarbeit hatten Bicken und Ballersbach schon 1965 entwickelt. Die gemeinsame Mittelpunktschule – zwischen den beiden Gemeinden gelegen und die erste im Dillkreis – war eine Reaktion auf die räumlichen Probleme der eigenen Schulen und die zu erwartenden Anforderungen der Zukunft.
Deshalb war es kein Wunder, dass die ersten Gespräche zwischen ihnen schon in 1969 geführt wurden. Das setzte sich über die folgenden Monate fort und führte dazu, dass von Offenbach über Bischoffen bis Tringenstein Gerüchte aufkamen, nach denen die Bicker und die Ballersbacher ihr eigenes Süppchen kochen wollten.
Bei den vorhandenen Empfindlichkeiten war es kein Wunder, dass rasch vermutet wurde, der Sitz der Gemeindeverwaltung sei schon vergeben und auch der Name der zukünftigen Großgemeinde sei schon vermauschelt worden. Aufgeregte Briefe versuchten die Wogen zu glätten. So ganz gelang das nicht. Es bleibt halt immer etwas hängen.

Gedanken – Gespräche – Beschlüsse!

(hst) Hatte es vor und in 1965 im Zusammenhang mit der Schulentwicklung im mittleren Aartal und der Suche nach einem geeigneten Standort für eine gemeinsame Schule schon enorm schwierige Gespräche gegeben, die am Ende dazu führten, dass Offenbach zunächst nicht bei der Mittelpunktschule mitmachte und eigene Ideen mit Bischoffen entwickelte, so war eine gemeinsame Vorgehensweise bei der "gebietlichen Neugliederung auf der Gemeindeebene" eine weit größere Herausforderung.
Unendlich viele Gespräche und zahlreiche Sitzungen waren notwendig, um Weichen zu stellen und Irritationen zu beseitigen. Man hat sich Mühe gegeben!

Unvollständige Übersicht über Termine und Beschlüsse!

wann?
wer?
was?

20.11.1969

GeVo Bi, Ba, Of

Erstes Gespräch zur Gebietsreform mit Zielformulierungen

29.11.1969

GV Bicken

Auftrag an den GeVo zu weiteren Gesprächen mit Offenbach und Ballersbach

01.12.1970

GV Bicken

Beschluss Zusammenschluss mit Ballersbach

23.01.1971

GV Bischoffen

Beschluss Zusammenschluss mit Aartalgruppe

25.01.1971

Bgm. Seelbach

Gespräch mit dem Herborner Magistrat, nachdem ein Stimmungsbild aus der GV gezeigt habe, dass ein Anschluss zum Aartal nicht gewünscht sei!

05.02.1971

GV Ballersbach

Beschluss Zusammenschluss mit Bicken

29.03.1971

Innenministerium

Erlass mit nur noch drei Terminen 1971 für freiwillige Zusammenschlüsse: 01. Juli - 01. Oktober – 31. Dezember!

23.04.1971

GV Ballersbach

Beschluss Zusammenschluss mit Bicken – Bellersdorf – neun Mitglieder – sechs anwesend – zwei Enthaltungen!

26.04.1971

GV Bellersdorf

Beschluss Zusammenschluss mit Bicken-Ballersbach – einstimmig!

21.10.1971

GV Offenbach

Beschlüsse zum Grenzänderungsvertrag und zur Eingliederung von Bischoffen und Bellersdorf

22.10.1971

GV Bicken

Beschlüsse zum Grenzänderungsvertrag und zur Eingliederung von Bischoffen und Bellersdorf

22.10.1971

GV Ballersbach

Beschlüsse zum Grenzänderungsvertrag und zur Eingliederung von Bischoffen und Bellersdorf

25.10.1971

GV Bischoffen

Erneuter Beschluss zum Beitritt zur "Aartalgruppe"

29.12.1971

GV Bellersdorf

Ergänzungsbeschluss zum 26.04.1971

20.12.1971

Innenministerium

Zusammenschluss von Bicken, Ballersbach und Offenbach zur Gemeinde Mittenaar mit Wirkung zum 31.12.1971!

03.01.1971

Mittenaar und
Bellersdorf

Grenzänderungs- und Auseinandersetzungsvertrag!

13.03.1972

Innenministerium

Eingliederung von Bellersdorf in die Gemeinde Mittenaar mit Wirkung vom 01.04.1972!

Erläuterung: GV ist Gemeindevertretung, GeVo ist Gemeindevorstand, Bgm. ist Bürgermeister

Finanzielle Anreize!

(hst) Der Hessische Gemeindetag – heute Hessischer Städte- und Gemeindebund (HSGB) – hatte auf Anfrage aus Bicken gerechnet und kam im August 1970 zu der Erkenntnis, dass bei einem Zusammenschluss von Bicken und Ballersbach die Verbesserung bei den Gemeindeschlüsselzuweisungen rund 67.000 DM betragen würde.
Bei der großen Lösung Bicken+Ballersbach+Offenbach+Bischoffen wären es dann über 300.000 DM pro Jahr geworden.
Auch diese Chance wurde verpasst, ohne dass die beteiligten Gemeinden etwas dazu konnten!

Gedankenspiele 2: die Namensfindung!

(hst/gm) Es war offensichtlich nicht so einfach, bei der ziemlich schwierigen Geburt der neuen Gemeinde auch einen Namen zu finden, der allen passte.
In Bicken gab es starke Strömungen, den eigenen Namen zu verteidigen. Schließlich war es die größte und wirtschaftsstärkste Gemeinde, argumentierten die Verteidiger.
Zeitgenossen berichten, dass es erheblichen Stress gab bei dem Thema. So einfach war es den anderen Gemeinden nicht zuzumuten, dass "die Herren von Bicken" ihren Kopf durchsetzen wollten.
Starke Geschütze wurden aufgefahren. Ein Bombenalarm bei einer Bicker Sitzung führte zur Verlegung des Sitzungsraumes aus dem Rathaus in das Hotel Thielmann. Geld für diesen "Kampf" war offensichtlich genug vorhanden.  Der Flieger, der die Bande "Bicken bleib Bicken" (ohne t!) durch die Luft im mittleren Aartal zog, machte es sicher nicht kostenlos. Und auch ein Flugblatt konnte nicht einfach durch nicht vorhandene Kopierer gejagt werden – trotzdem wurde es verteilt.
"Bicken" schaffte es nicht in die späteren Verhandlungen und wurde durch "Aarbrücken" und "Mittenaar" abgelöst. Während Bicken, Ballersbach und Bellersdorf sich auf "Mittenaar" verständigt hatten, tat sich Offenbach noch schwer damit. In den Briefwechseln wurden von dort immer beide Namen in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt und irgendwann vorgeschlagen, das Innenministerium entscheiden zu lassen.
Zwischendurch hatte Landrat Rehrmann noch eine Stellungnahme durch das Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden angeboten. Beide Namen haben auch heute bundesweit noch eine Alleinstellung und Mittenaar ist es dann irgendwie geworden. Details dazu geben die vorhandenen Unterlagen leider nicht her!

Harmonie pur?

(hst) Ein Blick in die Unterlagen klärt auf: Während in Bicken bereits am 06. März 1970 eine "Kommission zur Durchführung der Verwaltungsreform" gebildet wurde, war die Begeisterung in Ballersbach noch nicht so stark ausgeprägt. Der Kommission gehörten der Gemeindevorstand und drei Mitglieder der Gemeindevertretung an.
Das Beschlussbuch der Gemeindevertretung Ballersbach offenbart auf der Seite 08. Dezember 1970 das Ergebnis einer Abstimmung zum "Grundsatzbeschluss zum Zusammenschluss der Gemeinden Bicken und Ballersbach".
Von neun Vertretern waren acht anwesend, vier stimmten dagegen, drei dafür und einer enthielt sich.
Das Thema war also an dem Abend erst einmal durch!

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